Praxisanleitung für pädagogische Fachkräfte im Akutfall
✦ Anleitungsreihe - Akutfall
Aggressive Eskalationen äußern sich durch Schreien, Schlagen, Treten, Werfen von Gegenständen oder massive verbale Angriffe. Das Kind befindet sich dabei in einem Zustand stark erhöhter innerer Erregung und ist nicht mehr zugänglich für Gespräche oder Erklärungen.
Durchführung
Eigene Stabilität sichern
Die Fachperson nimmt bewusst eine ruhige, stabile Körperhaltung ein, reduziert eigene Bewegungen und senkt die Stimme.
Ziel ist es, dem Kind nonverbal Sicherheit und Orientierung zu vermitteln.
Reizreduktion herstellen
Wenn möglich, wird der Raum vereinfacht: Zuschauer werden reduziert, gefährliche Gegenstände außer Reichweite gebracht, zusätzliche Reize minimiert. Das Kind bleibt dabei stets im Blickfeld der Fachperson.
Klare, kurze Ansprache
Die Ansprache erfolgt ruhig, knapp und eindeutig, ohne Diskussion oder Erklärung.
Beispielsweise:
„Ich bin hier.“
„Ich passe auf.“
„Ich lasse niemanden verletzen.“
Körperliche Distanz wahren
Es wird ausreichend Abstand gehalten, um Eskalationen nicht weiter anzuheizen. Körperkontakt erfolgt nur, wenn er fachlich geboten, angekündigt und sicher durchführbar ist.
Zeit geben
Die Eskalation darf abklingen, ohne sie aktiv beschleunigen zu wollen. Ziel ist nicht sofortige Beruhigung, sondern das schrittweise Absenken des Erregungsniveaus.
Download
Diese Anleitung ist Teil der Anleitungsreihe Akutfall. Die vollständige Anleitung steht als PDF zum Ausdrucken zur Verfügung.
Im Rahmen dieser Serie gibt es noch folgende Artikel:
- Fachartikel: Stabilisierung von Kindern in akuten Stressreaktionen
- Fachportal: Akuthilfe
- Weitere Beiträge: Anleitungsreihe Akutfall
Woran die Wirkung erkennbar wird
Eine beginnende Deeskalation zeigt sich durch:
- langsamere Bewegungen
- veränderte Atmung
- nachlassende Lautstärke
- kurze Blickkontakte
- Pausen im aggressiven Verhalten
Diese Zeichen weisen darauf hin, dass das Nervensystem des Kindes wieder regulierbarer wird.
Abbruch / Wechsel – wenn die Intervention nicht wirkt
Die Intervention wird beendet oder angepasst, wenn:
- die Erregung weiter zunimmt
- Rückzug oder Erstarrung stärker wird
- kein Kontakt mehr möglich ist
- die eigene Anspannung deutlich steigt
Vorgehen:
- Distanz vergrößern
Die Fachperson schafft mehr räumlichen Abstand, bleibt aber präsent und ansprechbar. - Reizniveau weiter senken
Umgebung weiter vereinfachen, zusätzliche Personen konsequent aus der Situation nehmen. - Unterstützung holen
Eine weitere Fachperson wird hinzugezogen, um Sicherheit, Überblick und Entlastung zu gewährleisten.
Nicht jede Intervention wirkt in jeder Situation.
Das rechtzeitige Beenden oder Anpassen ist Teil professionellen Handelns.
Abgrenzung
Diese Anleitung dient der pädagogischen Akutbegleitung. Sie ersetzt keine therapeutische oder medizinische Intervention. Bei wiederholten oder sehr intensiven Eskalationen ist eine weiterführende fachliche Abklärung notwendig.
Quellen
- Anderssen-Reuster, U. (2019). Notfallpsychologie in der Praxis. Berlin: Springer.
- Juen, B., & Kratzer, S. (2023). Notfallpsychologie bei Kindern und Jugendlichen. Wien: Facultas.
- Perry, B. D., & Szalavitz, M. (2017). The Boy Who Was Raised as a Dog. New York: Basic Books.
- Van der Kolk, B. (2015). The Body Keeps the Score. New York: Penguin Books.
- Cornell Research Program on Self-Injury and Recovery. (2020). Crisis intervention and de-escalation strategies.
wichtig

Fachlich eingeordnet
Diese Anleitung dient der pädagogischen Orientierung im Akutfall. Sie ersetzt keine therapeutische oder medizinische Behandlung.
