Praxisanleitung für pädagogische Fachkräfte im Akutfall
✦ Anleitungsreihe - Akutfall
Akute Verweigerung oder ein sogenannter Shutdown zeigen sich durch vollständiges Rückziehen, Nicht-Mitmachen, Erstarren oder scheinbare „Blockade“. Das Kind ist dabei nicht oppositionell, sondern neurobiologisch überfordert und nicht handlungsfähig.
Durchführung
Verweigerung als Schutzreaktion anerkennen
Die Fachperson ordnet das Verhalten nicht als Trotz oder Unwillen ein, sondern als Überforderungsreaktion. Ziel ist es, Druck vollständig herauszunehmen.
Anforderungen sofort stoppen
Alle Erwartungen, Aufforderungen und Übergänge werden pausiert. Es gibt kein Drängen, kein Erklären und keine Konsequenzen im Akutfall.
Ruhige Präsenz sichern
Die Fachperson bleibt sichtbar, ruhig und berechenbar in der Nähe, ohne zu kommentieren oder zu kontrollieren. Das Kind darf im Zustand bleiben.
Minimalstruktur anbieten
Wenn möglich, wird eine einfache, nicht verpflichtende Struktur angeboten, z. B. ein fester Platz, Sitzen oder ein klarer Rahmen ohne Handlungserwartung.
Übergang nur bei Entlastung
Erst wenn Anzeichen von Entspannung sichtbar werden, kann vorsichtig ein nächster Schritt angeboten werden immer optional, niemals fordernd.
vgl. Juen, B., & Kratzer, L. (2023). Notfallpsychologie
Download
Diese Anleitung ist Teil der Anleitungsreihe Akutfall. Die vollständige Anleitung steht als PDF zum Ausdrucken zur Verfügung.
Im Rahmen dieser Serie gibt es noch folgende Artikel:
- Fachartikel: Stabilisierung von Kindern in akuten Stressreaktionen
- Fachportal: Akuthilfe
- Weitere Beiträge: Anleitungsreihe Akutfall
Woran die Wirkung erkennbar wird
Eine beginnende Stabilisierung zeigt sich durch:
- veränderte Körperhaltung
- ruhigere Atmung
- kleine Bewegungen
- leise Lautäußerungen
- erste Reaktionen auf Umgebung
- Diese Zeichen deuten darauf hin, dass das Kind langsam wieder handlungsfähig wird.
Abbruch / Wechsel – wenn die Intervention nicht wirkt
Die Intervention wird beendet oder angepasst, wenn:
- das Kind vollständig „abschaltet“
- keine Wahrnehmung der Umgebung erkennbar ist
- starke innere Spannung sichtbar bleibt
- eigene Hilflosigkeit oder Überforderung steigt
Vorgehen:
- Handlungen weiter reduzieren
Keine Strukturangebote, nur Präsenz. - Rahmen sichern
Ruhiger Ort, keine Wechsel, kein Publikum. - Fachliche Abstimmung
Rücksprache im Team, ggf. Weiterleitung an geeignete Stellen.
Nicht jedes Kind kommt schnell aus einem Shutdown.
Geduld und Nicht-Handeln sind hier zentrale professionelle Kompetenzen.
Quellen & fachliche Grundlagen
Die Inhalte dieser Anleitung basieren auf anerkannten Erkenntnissen aus Notfallpsychologie, Traumapädagogik und Bindungsforschung:
- Juen, B., & Kratzer, L. (2023). Notfallpsychologie in der Praxis – Akutintervention bei Kindern und Jugendlichen. Wien: Springer.
- Anderssen-Reuster, I. (2010). Notfallpsychologie in der Praxis. Weinheim: Beltz.
- Brisch, K. H. (2013). Bindung, Trauma und Therapie. Stuttgart: Klett-Cotta.
- Ahnert, L. (2021). Frühkindliche Bindung – Grundlagen, Praxis und Intervention. Stuttgart: Kohlhammer.
- Helming, E. (1999). Familien in Krisensituationen. München: Deutsches Jugendinstitut.
wichtig

Fachlich eingeordnet
Diese Anleitung beschreibt eine pädagogische Akutbegleitung bei Verweigerung und Shutdown. Bei häufigem oder langanhaltendem Shutdown ist eine weiterführende diagnostische oder therapeutische Abklärung notwendig
