Skip links
Selbstverletzendes Verhalten

Selbstverletzendes Verhalten

Fachartikel

Abstract

Selbstverletzendes Verhalten (meist nicht suizidal gemeint) ist bei Jugendlichen relativ häufig und kann unterschiedliche Funktionen haben, zum Beispiel Spannungsreduktion oder Emotionsregulation. Für pädagogische Fachkräfte steht nicht „Behandlung“, sondern Schutz, Beziehungssicherheit, Gesprächsführung im Alltag und eine klare Weiterleitungskette im Vordergrund. Leitlinien betonen: ernst nehmen, nicht dramatisieren, direkt und respektvoll ansprechen, Suizidalität situativ abklären und bei Risiko konsequent handeln. (Edinger 2025)

Wie gehe ich als Fachkraft damit um?

Selbstverletzendes Verhalten wirkt auf Erwachsene oft schockierend und führt dann schnell zu zwei typischen Fehlreaktionen: Kontrolle/Verbote oder Wegschauen. Beides erhöht meist Druck und Heimlichkeit. Leitlinien empfehlen stattdessen: sachlich, zugewandt, klar strukturiert vorgehen und Risiko (insbesondere Suizidalität) nicht „erraten“, sondern kurz und professionell abklären. (NSSV Leitfaden) 

Fachwissen kompakt:

Was ist das und was bedeutet es nicht?

Nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) wird in der Fachliteratur/Leitlinien als absichtliche, direkte Gewebeschädigung ohne suizidale Absicht beschrieben (z. B. Schneiden, Brennen), meist repetitiv und sozial nicht akzeptiert.
Wichtig zugleich: NSSV und Suizidalität können sich überschneiden. Auch wenn die Handlung „nicht suizidal“ gemeint ist, kann Suizidalität parallel bestehen oder später hinzukommen, deshalb gehört eine kurze Risikoabklärung zur professionellen Routine.

Typische Funktionen:

  • innere Anspannung senken / „wieder etwas spüren“
  • starke Gefühle regulieren (Wut, Scham, Leere)
  • Selbstbestrafung, Konfliktentlastung
  • Kommunikation ohne Worte (Hilfesignal)

Mein Buchtipp zum Thema

Dieser Therapie-Tools-Band enthält konkrete, evidenzbasierte Arbeitsmaterialien zur Behandlung des selbstverletzenden Verhaltens. Dabei werden Elemente verschiedener Therapierichtungen für die Arbeit mit Betroffenen und ihren Angehörigen berücksichtigt. Weiterhin werden der Umgang mit Suizidalität sowie die therapeutische Haltung thematisiert.

Praxisanwendung

Praxisanleitung & Tools: So handeln Sie im Alltag

1. „Erste Reaktion“ ruhig, klar, nicht invasiv

Ziel: Sicherheit + Beziehung halten, ohne Verhör.

  • kurz benennen: „Ich habe Verletzungen gesehen. Ich mache mir Sorgen.“
  • nicht bewerten / nicht drohen: keine moralischen Appelle, keine Schockreaktion
  • Wahlmöglichkeiten geben: „Magst du kurz sagen, was du gerade brauchst, Abstand oder Begleitung?“

Wenn die Situation akut ist (hohe Erregung): erst Stabilisierung, dann Gespräch (dein Standard: Sprache reduzieren, ruhige Präsenz, Struktur). (Edinger 2025)

2. Kurz-Check Sicherheit (inkl. Suizidalität) in 60–90 Sekunden

Leitlinien betonen, dass Suizidalität exploriert werden soll, wenn Selbstverletzung sichtbar wird oder Hinweise bestehen.
Formulierungsbeispiele (neutral, nicht suggestiv):

  • „Gab es Momente, wo du nicht mehr leben wolltest?“
  • „Hattest du einen Plan oder konkrete Gedanken dazu?“
  • „Bist du im Moment sicher, bis nach Hause/ bis später?“

Bei bejahter akuter Gefährdung: nicht allein lassen, interne Krisenkette aktivieren, Eltern/Erziehungsberechtigte nach Schutzkonzept einbinden und je nach Setting Rettung/akute Abklärung. (Hier immer nach Trägervorgaben handeln.)

3. „Plan für die nächsten 72 Stunden“ (pädagogisch machbar)

Ziel: Druck senken + Alternativen stärken + Weiterleitung fixieren.

  • Trigger-Fenster klären: „Wann wird es meistens schlimm (Zeit/Ort/Situation)?“
  • 2–3 Ersatzhandlungen vereinbaren (kalt/warm, Bewegung, sensorische Regulation, kurze Begleitungsperson)
  • Kontaktpunkte festlegen: Wer ist morgen die Ansprechperson? Wann nächster Check-in?
  • Weiterleitung (Schulsozialarbeit, Jugendhilfe-nahe Beratungsstellen, kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung je nach Risiko)

Zusammenarbeit mit Eltern:

Do’s & Don’ts

Do

  • ruhig informieren: „Wir sehen Hinweise auf Selbstverletzung. Das ist ernst, aber wir können strukturiert vorgehen.“
  • Fokus auf Schutz & Unterstützung, nicht auf Schuld
  • konkrete nächste Schritte + Ansprechstellen benennen

Don’t

  • Eltern mit Details überfluten (Methoden/Ort/„wie genau“)  das steigert oft Druck und Kontrolle
  • „Versprechen“ einfordern („Du darfst das nie wieder tun“)
  • das Thema als „Aufmerksamkeit“ abwerten

➡️  Wenn Eltern sehr kontrollierend reagieren oder stark emotional werden, hilft oft ein kurzes, strukturiertes Gesprächsgerüst: [ Gesprächsleitfaden „Elterngespräch bei akuten Belastungsthemen“].

Abbruch / Wechsel

wenn Ihr Vorgehen nicht wirkt (professionell!)

Nicht jede Intervention wirkt in jeder Situation. Das rechtzeitige Beenden oder Wechseln ist Teil professionellen Handelns. (Edinger 2025)

Die Intervention wird beendet oder angepasst, wenn:

  • die Erregung weiter zunimmt
  • Rückzug oder Erstarrung stärker wird
  • Kontakt nicht mehr möglich ist
  • Ihre eigene Anspannung deutlich steigt

Vorgehen (3 Schritte):

  1. Sicherheitsmodus aktivieren: Reize reduzieren, Nähe/Abstand klären, nicht alleine lassen (nach Kontext).
  2. Verantwortung übergeben: Kollegin/Teamleitung/Krisenkette, klare Rollen („Ich bleibe hier, du holst Unterstützung.“).
  3. Weiterleitung einleiten: Risiko einschätzen lassen (je nach Setting), Elternkontakt und externe Abklärung/Unterstützung anbahnen.

Selbstverletzendes Verhalten

Zusammenfassend

Kernaussagen

→ Selbstverletzung ist häufig Emotionsregulation – nicht automatisch Suizidabsicht.
→ Professionell ist: ruhig ansprechen, kurz Sicherheit klären, klare Schritte vereinbaren.
→ Abbruch/Wechsel ist kein Scheitern, sondern Qualitätsmerkmal bei steigender Erregung.

5 Praxis-Insights

• Ruhig benennen statt ausfragen.
• Stabilisieren vor jedem Gespräch im Akutfall.
• Kurz-Check Sicherheit als Routine etablieren.
• 72h-Plan mit konkreten Kontaktpunkten.
• Eltern sachlich informieren, ohne Schuldrahmen.

3 Do’s für Fachkräfte

✓ klare, knappe Formulierungen nutzen
✓ Rollen/Krisenkette im Team aktivieren
✓ nächste Schritte schriftlich fixieren

2 Warnsignale

⚠️ Suizidgedanken/Plan oder akute Unsicherheit: sofort nach Schutzkonzept handeln.
⚠️ Häufigkeit/Zunahme, starke Heimlichkeit oder massive Belastung: zeitnahe Abklärung organisieren.